Making of

Die Mönche

11. April 2020

DIE MÖNCHE


Einer der Mönche

Schon vor Jahren, als ich mich mit Zengärten beschäftigt habe, hatte ich das Gefühl, Mönche oder eine Gruppe von Mönchen modellieren zu müssen. Woher kommt sowas? Ich hatte mich nie wirklich mit buddhistischen Mönchen befasst. Egal, es schießt mir in den Kopf. Was willst du damit ausdrücken? Wird sich dann schon zeigen.

Immer mal wieder nehme ich also Anläufe, lasse das Thema auch immer wieder schnell falleng. Ich dringe nie bis zu dem Punkt vor, an dem ich wirklich anfange, Material in die Hand zu nehmen. Noch spielt sich alles nur im Kopf ab.

Irgendwann kommt dann die Idee, die Gärten wieder aufzugreifen, die ich für die Evolution-Ausstellung im Kunstwerk gemacht hatte. Dort hatte ich von Zengärten inspirierte Skulpturen ausgestellt. Die meditative Wirkung haben sie vor allem durch Katrins »Solar«-Farbkreise.

Und für ein Ausstellungsprojekt in Miniaturgaragen entstand dann die erste Mönchsprozession. Sie trugen alle Perlen in den Händen. Warum? Weil sie etwas auf ihrer Prozession tragen sollten. Und Perlen waren zur Hand. Kurz danach war ich überrascht, als ich ein Foto von Mönchen sah, auf dem alle ein glänzendes kugelförmiges Gebilde trugen. Bettelschalen. Menschen sitzen am Straßenrand und füllen die Schalen mit Almosen. Ein wunderbarer Energieaustausch.

Dann las ich in einem Manuskript, das wir im Sommer bei Red Bug Books herausbringen werden, über die Vorstellung in irischen Mythologien, dass man einem Wesen die Seele aus der Brust ziehen kann. Dort trägt der personifizierte Tod die Seele wie eine kleine Lichtkugel auf der Hand und bringt sie in Sicherheit. In den Tod, das ewige Leben.

Egal was man nun sehen will, meine Mönchswesen tragen Energie vor sich her. Oder das ganze Universum.

Ist es Zufall, dass ich jetzt die Energie habe, endlich das Thema Mönche umzusetzen. Jetzt wo ein Red Bug Homie durch Südostasien travelt und mit mir Mönchsfotos auf ein geheimes Pinterestboard pinnt? Wohl kaum.


IMPOVISATION UND INSPIRATION

Fasziniert von einem Foto, auf dem buddhistische Mönche bei alltäglichen Arbeiten zu sehen waren, kommt mir die Idee zu einer Figurengruppe. Ich hatte bis dahin meist Einzelfiguren gemacht.
Zuerst schwebt mir eine Gruppe von etwa fünf Figuren vor. Ich habe die Vorstellung von unterschiedlichen Haltungen, aufrecht stehend, gebeugt, sich umwendend, vielleicht hockend, zentriert. Vielleicht bezogen auf einen imaginären Mittelpunkt. Einen Brunnen, ein Waschzuber, whatever.
Als ich nach Jahren den Impuls bekomme, jetzt anzufangen, modelliere ich zunächst einen Kopf, forme ihn ab und gieße ihn mehrmals in hartem Wachs nach. Die Mönche sollen sich ähnlich sehen, vielleicht sogar als ein und derselbe erscheinen. Es soll nicht so sehr um einen individuellen Menschen gehen. Schließlich legen die Mönche mit ihrer einheitlichen Kleidung, dem meist geschorenen Kopf, dem weitgehenden Verzicht auf privaten Besitz einen Großteil ihres individuellen Egos ab.

Ich setze den ersten Kopf auf eine improvisierte Armatur aus einer einzigen Stange.

In den letzten Jahren habe ich fast ausschließlich sehr dünne, unbekleidete Figuren gemacht. Diese hier sollen jetzt voluminöser werden. Dabei will ich wie immer versuchen, möglichst leicht zu arbeiten und Material zu sparen. Ich baue daher jetzt nicht sofort das Volumen mit Ton oder Plastiform etc. auf, sondern schaue mich im Atelier um, reiße mir ein paar Bogen Packpapier zurecht und knülle es um die Armatur, um das Volumen anzudeuten.

Das Papier soll also zum einen dazu dienen, die Ausdehnung der Figur schon einmal optisch zu verdeutlichen, und zum anderen ist es sozusagen als Unterbau für die geplanten äußeren Schichten aus Ton vorgesehen. Und das ist es dann auch schon. Kaum habe ich das Papier locker um die Stange gewickelt und mit etwas Tape befestigt, ruft es nicht nur sofort die Assoziation eines Gewandes hervor, sondern bringt auch gleich eine Bewegungsdynamik mit.

Ein Grund, erst einmal innezuhalten. Was passiert da gerade? Etwas neues, mit dem ich so nicht gerechnet habe. Ich wickle den Ton erst einmal wieder ein. Natürlich sehe ich, was da passiert. Ich sehe die Bewegung. In einem (zufälligen?) Papierknick etwa die Andeutung eines Knies, oder eine Drehung in der Hüfte. Obwohl ich das alles natürlich mit den Augen sehe, habe ich dennoch den Eindruck, dass ich jetzt mehr zuhöre als hinsehe.

Jahrelang habe ich mit dieser Art zu arbeiten, mit diesem Improvisieren, gehadert. Ich habe sie eher meiner Ungeduld zugeschrieben und nicht als einen echten professionellen künstlerischen Ansatz. Jetzt sehe ich die ungeheuren Möglichkeiten und Vorteile. Während des Arbeitsprozesses an der Figur ist nichts von vornherein festgelegt. Es gibt keine fertig geschweißte Armatur, die die Größe und Haltung festlegt. Keinen sachgemäßen Aufbau der Form in Ton oder Gips. Keine Vorzeichnungen, kein Modell. Alles ist im Fluß. Es kann alles passieren. Ab jetzt ist es eine spannende Konversation mit dem Material, mit der Figur.

Was will sie? Wo will sie hin? Wie will sie aussehen? Was ist ihre Aufgabe, ihre Message? Sie weiß es auch nicht. Es ist nicht so, dass ich mich als ausführendes Organ, Werkzeug einer höheren Macht, eines höheren Willens fühle. Es ist ein spannender Dialog, in dem beide Seiten etwas erfahren, klären. In dem etwas Neues entsteht für beide Seiten. Es manifestiert sich eine Form, eine Figur, ein Gedanke, der erst im Prozess entsteht.

So geht es dann weiter. Sehr vorsichtig, aber auch entschieden. Ich weiß, wenn ich in dem Dialogmodus bleibe, wird etwas Großartiges entstehen. No matter what. Ein meditativer Zustand, ein fokussierter Zustand, ein wacher Zustand.

Meine wichtigste Aufgabe ist jetzt, zu erkennen, wenn ich aus dem Dialog falle und anfange zu pushen. Zu erkennen, wenn ich aus konventionellen Vorstellungen, aus Angst, aus Erschöpfung, aus zu starkem eigenem Willen aus dem Fokus falle. Dann ist es wichtig, diszipliniert innezuhalten oder für den Tag aufzuhören und dann neu den Dialog wieder aufzunehmen.

Bei dieser sensiblen fragilen Arbeit, ergeben sich andauernd „Zufälle“. Etwas fällt herunter, kippt um, löst sich. Und dann immer die Frage, was ergibt sich daraus neues, was soll so bleiben, wo soll etwas geändert werden? Warum haben die Figuren Kugeln in den Armen, in den Händen? Weil sie es wollen, weil es sich in dem Dialog so ergeben hat.

Was bedeuten diese Kugeln? Immer wieder werde ich das gefragt. Ich weiß es auch nicht. Jede Antwort ist richtig. Die Antwort, die für den jeweiligen Fragenden in dem jeweiligen Moment gilt.

Ich beobachte, dass die Menschen sich mit den Adamfiguren auf eine seltsame Weise identifizieren. Sie nehmen oft, vor allem vor den lebensgroßen Bronzen, eine ähnliche Haltung ein, ahmen die Gebärde nach, um ihr nachzuspüren.

Bei den Mönchen ist es anders. Sie werden eher als ein Gegenüber wahrgenommen. Sie kommen uns entgegen. Oder gehen an uns vorüber. Schauen uns an – oder in die Ferne.

Was hat so ein Mönch in seiner Hand? Bringt er etwas? Oder trägt er etwas mit sich herum? Behütet er etwas?

„He’s got the whole world in his hands“


DIE MÖNCHSESSIONS

Jetzt sind also in mehreren intensiven Sessions die Mönche entstanden. Völlig anders geplant, haben sie ihr Eigenleben entwickelt, sich immer mehr von der Vorstellung entfernt, die ich zunächst im Kopf hatte. Der Entstehungsprozess war ein ständiger Dialog zwischen dem Material, meiner Vorstellung, meinem Körpergefühl und noch irgendetwas anderem, das die Skulpturen geformt hat. Ein ständiges Schauen, Abwarten, Formen, Hinhören. Wobei das aufmerksame Hinhören meiner Meinung nach das Wichtigste bei allen schöpferischen Tätigkeiten ist. Ob man einen Song schreibt, einen Roman, ob man malt, einen Film dreht oder ein Kind erzieht: hinhören ist immer das Wichtigste. Wenn man abgewartet hat, bis etwas entstehen will, dann anfängt zu arbeiten, aufrichtig bleibt und aufmerksam ist, bahnt sich die Kunst ihren Weg. Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie, hat Albrecht Dürer 1528 in seiner Proportionslehre geschrieben. Und er hat aufmerksam hingehört.

Dein Song, deine Romanfiguren, deine Skulpturen, deine Kinder, sie wissen, was sie wollen. Und sie haben dir etwas zu sagen, was du vorher nicht wusstest. Wenn du schaffst, ihnen Raum zu geben, sich zu entwickeln, entsteht etwas, das ohne dich nicht erscheinen würde. Durch das genaue Hinschauen, das aufmerksame Hinspüren und vor allem das ruhige Hinhören entsteht eine meditative Form von Awareness, aus der Neues entstehen kann. Etwas, von dem man vorher nicht wusste, das es möglich sein könnte. Etwas, das über das hinausgeht, was man sich vorstellen konnte. Das ist in meinen Augen künstlerische Arbeit, das ist schöpferischer Prozess. Das bringt die Welt voran.

Das über die Armatur geworfene Papier sollte zunächst nur das Volumen für die Figur angeben. Mit der aufgetragenen Wachsschicht wollte ich die Abformbarkeit sichern und die Möglichkeit sicherstellen, die Figuren in Bronze gießen zu lassen. Beides hat seinen Platz behauptet. Genauso wie die anderen Materialien und der Draht, der den feuchten Gips in Form halten sollte. Schon mit dem Seitenschneider in der Hand – stop – wirklich abtrennen? Nein. Ich höre es deutlich, der Draht will nicht abgeschnitten werden. Okay, dein Wille geschehe. Er bleibt. Was ist der Draht jetzt? Ein Heiligenschein? Gedankenenergie? Ein Aurafeld? Ein Draht, der den Gips in Form halten sollte, dafür aber nicht mehr gebraucht wird? Ich weiß es nicht, man weiß es nicht.

Die Mönche waren für den Bronzeguss geplant, aber sie haben in Papier, Wachs, Greenstuff, Dispersionsspachtel, Plastiform, … ihre endgültige Form gefunden. Sie widersetzen sich einem Guss in Bronze. Sie sind echte Mixed-Material-Skulpturen.


IM ORBIT

Auf der letzten Ausstellung hatte ich eine seltsame Erkenntnis über die Entstehung der Mönche.
Ein Sammlerpaar fragte mich, ob ich stark abgenommen hätte. — Ja hatte ich.
Ob ich es mit Absicht gemacht hätte. Sie machten sich offensichtlich Sorgen, ob ich krank sei. — Nein bin ich nicht.  Und ja, hatte ich mit Absicht gemacht.
Was ich denn unternommen hätte. Die Frage nach einer besonderen Diät, Fastenkur oder einem speziellen Workout. — Nun ich hatte mich einfach entschieden.

Sonst hatte ich gar nichts geändert. Aber ich hatte meine Einstellung zu dem kleinen Hüftspeck geändert, den ich seit Jahren mit mir herumtrug. Plötzlich hatte ich ihn nicht mehr als lästigen Ballast angesehen, den ich irgendwie loswerden müsste, sondern als wertvolles Energiereservoir. Fett, Hallo? Das ist pure Energie. Beuys läßt grüßen. Ein Treibstofftank. Den leert man ja auch nicht einfach ungenutzt aus und kippt ihn in den Garten. Mit wurde klar, dass ich das alles angesammelt hatte, damit ich jetzt genug Treibstoff hatte, mich in einen neue Umlaufbahn zu schießen. In eine neue spirituelle Umlaufbahn. Seit Jahren wollte ich mich mehr mit diesen Dingen beschäftigen. Yoga, Tai Chi, Meditation, neues Bewusstsein. Und ich glaube, es ist mir gelungen, diesen Treibstoff nutzbringend zu verbrennen und mich in einen neuen spirituellen Orbit zu schießen.

Nicht, dass das immer so angenehm und so meditativ, wellnessmäßig abgelaufen ist, wie ich es mir vielleicht vorgestellt habe. Ruhige Musik, Duftlampe und Räucherstäbchen. Nein, da gab es schon einige Erschütterungen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls bin ich mir sicher, dass ich in diesen Orbit musste, um den Quantensprung zu machen, der die Mönche zur Folge hatte. Ich musste dorthin, um sie modellieren zu können. Erst dort oben habe ich sie gefunden. Dort oben brauchte ich sie nur noch abzugreifen. Dort ist alles voll davon.

Nur eine kleine Nebenbemerkung: Interessant auch, dass ich in dieser Phase die Signets für »The World« gezeichnet habe. Erst jetzt sehe ich, dass sie lauter Umlaufbahnen und Orbits darstellen. Nice.

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