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Die Mönche #3

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Die Mönche

IMPOVISATION UND INSPIRATION

Fasziniert von einem Foto, auf dem buddhistische Mönche bei alltäglichen Arbeiten zu sehen waren, kam mir die Idee zu einer Figurengruppe. Ich hatte bis dahin meist Einzelfiguren gemacht.

Zuerst schwebte mir eine Gruppe von etwa fünf Figuren vor. Ich hatte die Vorstellung von unterschiedlichen Haltungen, aufrecht stehend, gebeugt, sich umwendend, vielleicht hockend, zentriert. Vielleicht bezogen auf einen imaginären Mittelpunkt. Einen Brunnen, ein Waschzuber, whatever.

Als ich nach Jahren den Impuls bekam, jetzt anzufangen, modellierte ich zunächst einen Kopf, formte ihn ab und goss ihn mehrmals in hartem Wachs nach. Die Mönche sollten sich ähnlich sehen, vielleicht sogar als ein und derselbe erscheinen. Es sollte nicht so sehr um einen individuellen Menschen gehen. Schließlich legen die Mönche mit ihrer einheitlichen Kleidung, dem meist geschorenen Kopf, dem weitgehenden Verzicht auf privaten Besitz einen Großteil ihres individuellen Egos ab.

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Ich setzte den ersten Kopf auf eine improvisierte Armatur aus einer einzigen Stange.

In den letzten Jahren hatte ich fast auschließlich sehr dünne, unbekleidete Figuren gemacht. Diese hier sollten jetzt voluminöser werden. Dabei wollte ich wie immer versuchen, möglichst leicht zu arbeiten und Material zu sparen. Ich baute daher jetzt nicht sofort das Volumen mit Ton oder Plastiform etc. auf, sondern schaute mich im Atelier um, riss mir ein paar Bogen Packpapier zurecht und knüllte es um die Amatur, um das Volumen anzudeuten.

Das Papier sollte also zum einen dazu dienen, die Ausdehnung der Figur schon einmal optisch zu verdeutlichen, und zum anderen war es sozusagen als Unterbau für die geplanten äußeren Schichten aus Ton vorgesehen. Und das war es dann auch schon. Kaum hatte ich das Papier locker um die Stange gewickelt und mit etwas Tape befestigt, rief es nicht nur sofort die Assoziation eines Gewandes hervor, sondern brachte auch gleich eine Bewegungsdynamik mit.

Ein Grund erst einmal innezuhalten. Was war da gerade passiert? Etwas neues, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Ich wickle den Ton erst einmal wieder ein. Natürlich sehe ich, was da passiert. Ich sehe die Bewegung. In einem (zufälligen?) Papierknick etwa die Andeutung eines Knies, oder eine Drehung in der Hüfte. Obwohl ich das alles natürlich mit den Augen sehe, habe ich dennoch den Eindruck, dass ich jetzt mehr zuhöre als hinsehe.

Jahrelang habe ich mit dieser Art zu arbeiten, mit diesem Improvisieren, gehadert. Ich habe sie eher meiner Ungeduld zugeschrieben und nicht als einen echten professionellen künstlerischen Ansatz. Jetzt sehe ich die ungeheuren Möglichkeiten und Vorteile. Während des Arbeitsprozesses an der Figur ist nichts von vornherein festgelegt. Es gibt keine fertig geschweißte Armatur, die die Größe und Haltung festlegt. Keinen sachgemäßen Aufbau der Form in Ton oder Gips. Keine Vorzeichnungen, kein Modell. Alles ist im Fluß. Es kann alles passieren. Ab jetzt ist es eine spannende Konversation mit dem Material, mit der Figur.

Was will sie? Wo will sie hin? Wie will sie aussehen? Was ist ihre Aufgabe, ihre Message? Sie weiß es auch nicht. Es ist nicht so, dass ich mich als ausführendes Organ, Werkzeug einer höheren Macht, eines höheren Willens fühle. Es ist ein spannender Dialog, in dem beide Seiten etwas erfahren, klären. In dem etwas Neues entsteht für beide Seiten. Es manifestiert sich eine Form, eine Figur, ein Gedanke, der erst in der Manifestation entsteht.

So geht es dann weiter. Sehr vorsichtig, aber auch entschieden. Ich weiß, wenn ich in dem Dialogmodus bleibe, wird etwas Großartiges entstehen. No matter what. Ein meditativer Zustand, ein focussierter Zustand, ein wacher Zustand.

Meine wichtigste Aufgabe ist jetzt, zu erkennen, wenn ich aus dem Dialog falle und anfange zu pushen. Zu erkennen, wenn ich aus konventionellen Vorstellungen, aus Angst, aus Erschöpfung, aus zu starkem eigenem Willen aus dem Focus falle. Dann diszipliniert innezuhalten oder für den Tag aufzuhören und dann neu den Dialog wieder aufzunehmen.

Bei dieser sensiblen fragilen Arbeit, ergeben sich andauernd „Zufälle“. Etwas fällt herunter, kippt um, löst sich. Und dann immer die Frage, was ergibt sich daraus neues, was soll so bleiben, wo soll etwas geändert werden? Warum haben die Figuren Kugeln in den Armen, in den Händen? Aus diesem Grund. Weil sie es wollten, weil es sich in dem Dialog so ergeben hat.

Was bedeuten diese Kugeln? Immer wieder werde ich das gefragt. Ich weiß es auch nicht. Jede Antwort ist richtig. Die Antwort, die für den jeweiligen Fragenden in dem jeweiligen Moment gilt.

Ich beobachte, dass die Menschen sich mit den Adamfiguren auf eine seltsame Weise identifizieren. Sie nehmen oft, vor allem vor den lebensgroßen Bronzen, eine ähnliche Haltung ein, ahmen die Gebärde nach, um ihr nachzuspüren.

Bei den Mönchen ist es anders. Sie werden eher als ein Gegenüber wahrgenommen. Sie kommen uns entgegen. Oder gehen an uns vorüber. Schauen uns an – oder in die Ferne.

Was hat so ein Mönch in seiner Hand? Bringt er etwas? Oder trägt er etwas mit sich herum? Behütet er etwas?

„He’s got the whole world in his hands“

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